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Märtyrer des Elends
In der Rue Abdeslam begegne ich einem jungen Marokkaner, der
in einer Vorstadt von Paris wohnt. Er möchte mich zu einer
Tasse Kaffee einladen. Das Wiedersehen freut uns beide. Alles
erscheint heute in rosigem Licht: Er hat nun seine Papiere, er
ist mit einer Französin verheiratet und erwartet freudig
das erste Kind.
Vor kurzem ist er aus Marokko zurückgekehrt, wo er seine
Familie besucht hat. Ich spüre, dass er sich Sorgen macht
um die jungen Leute, die er in seiner Heimat getroffen hat. "Mehr
denn je fühlen sich die Jungen von Europa angezogen. Sie
sind zu allem bereit, um hierher zu gelangen. Heutzutage wenden
sie sich nicht mehr an Menschenschmuggler, die ihnen große
Geldsummen abknöpfen. Sie nehmen die Organisation selber
in die Hand, bauen Boote, treiben einen Kompass auf und nehmen
nachts Kurs auf Spanien. In ein solches Boot sind einmal fünfzehn
Personen eingestiegen. Man hat nie wieder etwas von ihnen gehört.
Wie viele andere sind sie im Meer verschwunden ..."
Wie mutig sind doch diese jungen Menschen, die ungeachtet aller
Gefahren losziehen und ihr Leben aufs Spiel setzen!
"Mut, ja, aber es ist auch eine Niederlage. Wenn ein Land
seine Kinder nicht mehr behalten kann, ist das ein Scheitern
. Es ist nicht normal, dass junge Menschen gezwungen sind, ihr
Land wegen des Elends zu verlassen. Jede Nacht verschwinden bei
einer Überfahrt Menschen. Ich nenne sie die Märtyrer
des Elends."
Oft höre ich, wie man den Papierlosen Vorwürfe macht.
Regelmäßig sagt man mir: "Wieso kommen sie nach
Frankreich, wenn sie doch wissen, dass es schwierig sein wird
für sie? Besser, sie sind zu Hause unglücklich als
bei uns".
"In einem gewissen Sinne haben die Leute, die so reden,
Recht. Ich selber sage den jungen Marokkanern, dass es für
sie sehr hart sein wird, wenn sie nach Frankreich kommen. Aber
da ist noch etwas anderes. Wenn sie in Marokko bleiben, haben
diese Jungen keine Hoffnung. Die Zukunft ist blockiert. Sie wissen,
dass sie eine Chance haben, wenn sie in Europa den Kampf aufnehmen
und etwas suchen. Das ist der Unterschied: die Hoffnung."
Am 13. und 14. Oktober treffen sich die Innenminister der Fünfzehn
offiziell in Biarritz, um eine europäische Menschenrechts-Charta
vorzubereiten. In Tat und Wahrheit wird es ein weiter Schritt
sein auf dem Weg zur Festung Europa. |