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Pius XII. und die Shoah
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Da ich vom Sender Europe 1 über den Film "Amen"
von Costa Gavras befragt werden sollte, war ich es mir selber
schuldig, ihn mir unverzüglich anzusehen. Der Kinosaal war
gedrängt voll. Zwei junge Paare schienen sich
sehr zu freuen, dass ich neben ihnen saß. Einer von ihnen
sagte mir: "Drei Sachen werfe ich der Kirche vor: die Ehelosigkeit
der Priester, dass die Kirche reich ist und dass sie sich für
die Ausgeschlossenen nicht sehr einsetzt." |
Ich fand den Film sehr gut und nicht karikierend. Ich sah
bewegt, wie schwierig es ist, das Gewissen der Menschen zu wecken.
Die Verantwortlichen sind wohl genau über eine Situation
informiert, aber sie fürchten sich davor, der Wahrheit ins
Gesicht zu sehen. Ich glaube, dass Pius XII. sehr wohl informiert
war, und nicht nur er. Aber er war ein Diplomat. Ein Diplomat
kann nicht aufschreien und zum Widerstand aufrufen, die Revolte
des Gewissens predigen. Diplomatie und Evangelium vertragen sich
nicht.
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Ein Diplomat nimmt sich Zeit zum Beratschlagen, er interveniert
bei Ministern. Seine Sprache ist gemäßigt und oft
verschlüsselt. So war es auch in der Weihnachtsansprache
Pius' XII., in der weder die Juden noch die Vernichtungslager
erwähnt wurden. |
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Wenn Pius XII. seinem Zorn Ausdruck gegeben hätte,
dann wären einigen Katholiken und Menschen guten Willens
die Augen geöffnet worden; das Drama, das sich abspielte,
wäre ihnen bewusst geworden. Viele hätten sich der
Widerstandsbewegung angeschlossen und Zehntausende von Juden
wären gerettet worden . . . |
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Prozess am Gerichtshof
von Pau
Ich sehe ihn zum ersten Mal. Der Südbaske Juan Mari
Olano wird in Handschellen in den Angeklagtenstand geführt.
Professor Schwartzenberg und ich sitzen ihm in komfortablen Sesseln
gegenüber. Juan lächelt mir zu. Ich habe ihm einen
Brief ins Gefängnis geschickt, und vor allem höre ich
baskische Aktivisten oft über ihn reden.
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Juan war für eine Organisation verantwortlich, die sich
für die politischen Gefangenen des Baskenlandes einsetzt,
sich um ihre Familien kümmert, sie finanziell unterstützt.
Er kämpft dafür, dass die Gefangenen in die Nähe
ihrer Verwandten verlegt werden. Juan wurde am hellichten Tag
in Bayonne verhaftet, als er wie immer seine Tätigkeit ausübte. |
Warum sollte eine Organisation, die 20 Jahre lang legal
gewesen war, es plötzlich nicht mehr sein? Die Auswirkungen
des 11. September sind auch hier spürbar. Die spanische
Regierung verlangt Juans Auslieferung. Das Gericht muss in dieser
Angelegenheit entscheiden.
Für die fünf Anwälte, Franzosen und Europäer,
ist die Auslieferung unannehmbar. Aber jedermann weiß,
dass dies ein politischer Prozess ist. Das Symbol der Repression,
die die Basken zurzeit erfahren.
Die Advokaten reden voller Eifer und innerer Bewegung.
Aber so lange! Der Präsident wird ungeduldig. Der Professor
schläft. Aber der Saal, voll besetzt mit jungen Aktivisten,
rührt sich nicht.
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Die Anwälte verlangen für Juan die provisorische
Freilassung. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.
Wir warten drei Viertelstunden! Um schließlich zu hören,
dass die provisorische Freilassung abgelehnt wird. Die Enttäuschung
ist groß. |
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Juan erhebt sich. Man legt ihm die Handschellen wieder an.
Er wird wieder in seine Zelle geführt, während die
Anwesenden wie ein Mann aufstehen und durch einen gewaltigen
Applaus demjenigen ihre Unterstützung kundtun, der ein Symbol
ihres Kampfes ist. |
Draußen sind Spruchbänder zu sehen und Stände
mit Broschüren und Flugblättern. Die Basken versammeln
sich. Mit ein paar anderen ergreife auch ich das Wort, um ihrer
Entschlossenheit Nachdruck zu verleihen. Es wird ein langer,
harter Kampf sein. Er wird nicht umsonst sein. |
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Ökumenische Begegnung
in Genf
Die katholische, die reformierte und die evangelische Gemeinschaft
feiern dieses Jahr das 20-jährige Bestehen des ökumenischen
Pfarreizentrums von Meyrin, einer Ortschaft von 20'000 Einwohnern
6 km von Genf. Was ich sehe und höre, weckt in mir Bewunderung.
Die Erfahrung, das Teilen, die gemeinsame Aktion kann durch nichts
ersetzt werden.
Trotz allen unvermeidlichen Hindernissen werden diese Gemeinschaften
durch das Gewicht des Lebens und des gemeinsamen Gebetes vorangetrieben;
sie können nicht mehr zurück.
Am Abend freue ich mich über die große Schar
von Männern und Frauen, die gesammelt meinem Kommentar über
die Bergpredigt folgen. Wie kann man in einer gewalttätigen
Gesellschaft zur Gewaltlosigkeit finden? Wie kann das Böse
durch das Gute überwunden werden?
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Die ökumenische Feier des Sonntagmorgens wird von einem
Hauch des Pfingstgeistes belebt. Ich danke Gott für diesen
anbrechenden Frühling. |
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