Brief von Jacques Gaillot
vom 1. März 1997


Eindrückeaus Bolivien Archiv


 



PARTENIA

Briefe

Aktuelles

send email

Eindrücke aus Bolivien


Auf Einladung der Priester der Lazaristen-Gemeinschaft und der Christenvon Partenia habe ich zehn Tage in El Alto verbracht, einer Stadt von 500000 Einwohnern, die gemäss der UNO zu den besonders armen Regionender Welt gehört. El Alto ist nicht weit von La Paz, der HauptstadtBoliviens, auf 4100 Metern über Meer gelegen.
Von all den intensiv erlebten Begegnungen bleiben mir drei Bilder im Gedächtnis:
- Das Bild einer sonntäglichen Zusammenkunft in einem Armenviertel.Die Freude, zusammenzusein und sich von Gott geliebt zu wissen. Das Evangeliumwird gehört, aufgenommen, angenommen. Es fällt wie ein Same auffruchtbaren Boden. Jesus heilt alle Krankheiten, alle Verwundungen. AlsEcho auf dieses heilende Wort beginnt eine Frau zu reden, ein Behinderterim Rollstuhl, dann ein junger Arbeitsloser ...
Ein Echo folgt auf das andere, und das Wort widerhallt im Herzen jedes undjeder einzelnen, vor der Kommunion des Brotes und des Weines nimmt die Gemeinschaftan der Kommunion des Wortes teil.
- Das Bild der Gefängnisse. Ein Hochsicherheitsgefängnis, totalabgelegen. Ich stehe Alain Mesili, dem einzigen französischen Gefangenenin ganz Lateinamerika, gegenüber. Seit etwa zwei Jahren ist er im Gefängnis,obwohl es keine Beweise gibt, die eine Verurteilung rechtfertigen würden.In Bolivien und Frankreich haben sich Unterstützungskomitees gebildet.Alain ist glücklich über diesen Besuch. Für ihn ist er vonunschätzbarem Wert.
Ich besuche Victor in seiner Zelle. Gestern bin ich bei seiner Familie gewesenund habe mit seinem siebzehnjährigen, drogensüchtigen Sohn gesprochen.
Ein Gefängnis mitten in der Stadt La Paz. Hinter den hohen Mauern sind1300 Häftlinge zusammengepfercht, dabei ist es für 300 vorgesehen!
Juan Carlos empfängt mich in einer winzigen, stickigen Zelle. Dieserjunge Akademiker, er ist verheiratet und Familienvater, ist seit fünfJahren im Gefängnis - ohne Gerichtsurteil. Es ist nicht der einzigederartige Fall. Deshalb kommen jeden Mittwochmittag vor der Kathedrale vonLa Paz Gruppen zusammen, um mit Spruchbändern gegen diese Missständezu protestieren und um zu fordern, dass das Gesetz angewendet wird.
- Das Bild einer Begegnung. An der Menschenrechtsversammlung, mit dem Präsidentender Organisation, Dr. Waldo Albaracin. Während eines Streiks sind zehnMinenarbeiter und ein Polizeibeamter getötet worden. Laut der offiziellenVersion wurde der Beamte von den Minenarbeitern getötet. Waldo beweistaber mit einer Untersuchung das Gegenteil: Der Beamte wurde von den Ordnungskräftenumgebracht. Waldo wird verhaftet und gefoltert. Das bewirkt heftige Emotionen.Die Regierung ernennt eine parlamentarische Kommission. Vor den Journalistenunterstütze ich Waldo. Welcher mir - wie alle Bolivianer, die ich traf- sagte: "Vergesst mich nicht."




Jacques Gaillot







PARTENIA

Briefe

Aktuelles

send email

Archiv :