Brief von Jacques Gaillot
vom 1. Februar 1997


Wo schweigen zur Schuld wird


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Wo schweigen zur Schuld wird


Was sich im Gebiet der großen afrikanischen Seen abspielt, erregt kein Aufsehen mehr. Ganz einfach deshalb, weil man nicht mehr darüber spricht. Das ist die Gleichgültigkeit.

Im Klima der bestehenden Unsicherheit können die humanitären Hilfsorganisationen nichts mehr ausrichten, oder dann nur recht wenig.

Dennoch, es irrt seit Wochen ein ganzes Volk im Osten Zaires umher, kämpft gegen Epidemien, Hunger und Angst.
Verletzlicher als andere, sterben jeden Tag Kinder.

Es sind keine Kameras mehr da, die zeigen könnten, welch ein Drama Tausende von Flüchtlingen durchleben müssen.

Kein Schrei dringt mehr bis zu unsern gesicherten Ländern durch. Kein Aufruf an unsere Solidarität erfolgt mehr.

Nur Schweigen.

Das Schweigen der internationalen Gemeinschaft, die sich schuldig macht, einem Volk in Gefahr und Not nicht zu Hilfe zu kommen.
Das Schweigen der verantwortlichen Politiker, die die Afrikaner sich selbst überlassen.

Gewiß, hier gibt es keinen Markt zu gewinnen, aber Menschenleben, die, im Stich gelassen, in den Wäldern Zaires geopfert werden.

In der Bibel, im Buch Genesis (4.9-4.10),
da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.

Wir alle tragen füreinander Verantwortung. Für die Solidarität darf es keine Grenzen geben. Auf diesem unserem Planeten bilden wir eine einzige Menschheitsfamilie.

Ist dies nicht die vordringliche Aufgabe für das kommende Jahrhundert?


Jacques Gaillot