Brief von Jacques Gaillot vom 1. Juni 2002

 
Tunesien: Land unter Überwachung
 

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Tunesien: Land unter Überwachung

Die Ereignisse des 11. Septembers kommen dem Präsidenten Ben Ali zustatten, der erklärt, er sei entschlossen, die Terroristen zu bekämpfen. Es ist für ihn ein gefundenes Fressen. Er benützt es als Vorwand, um die Verfassung abzuändern und um sich wieder zum Präsidenten wählen zu lassen - mit erweiterten Befugnissen. Jedermann weiß, daß das Referendum eine Farce ist. Der Opposition wurde ein Maulkorb verpaßt. Die Angst ist zum Daseinsgrund eines Systems geworden. Je mehr sich die Leute fürchten, desto mehr kann man von ihnen verlangen.
 
répression  Ein freiheitsliebendes Volk wird kontrolliert und zum Schweigen gebracht. Die Repression trifft alle. Die Institutionen stehen im Dienste der Macht. Es gibt in Tunesien einen Staatsterrorismus.

Es ist höchst bedauerlich, daß Verantwortungsträger der französischen Politik Präsident Ben Ali unterstützen und sogar ermutigen.
 
 
Anläßlich des Erscheinens des Buches "Tunisie, le livre noir" (Tunesien, das schwarze Buch) nehme ich an einer Pressekonferenz teil. In diesem Buch hat "Reporters sans frontières" (Reporter ohne Grenzen) Dokumente veröffentlicht, die für das Regime vernichtend sind. 

livre noir 

 
Ein sehr nützliches Buch für die Touristen, die die schönen Strände, das blaue Meer, den feinen Sand, die Sonne, die Palmen ... Tunesiens schätzen. Sie werden die Leiden des tunesischen Volkes kennenlernen.

Ich treffe dort Radhia Nasraoui, eine mutige Frau, die ich sehr bewundere. Sie ist Anwältin und wird vom Regime verfolgt. Ihr Mann, Hamma Hammani, ist ein Führer der Opposition; er wurde zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt und ist vor kurzem in den Hungerstreik getreten. Ich werde Radhias Bitte Folge leisten. Sie möchte, daß ich mit einer Delegation nach Tunesien reise, um ihren Mann zu verteidigen und um eine Generalamnestie für alle Opfer der politischen Repression in Tunesien zu fordern.

Da ist auch Taoufik Ben Brik, der Journalist und Dichter, dessen Hungerstreik großes Aufsehen erregt hatte. Ich bin so froh, ihn wiederzusehen. Er ist ein Rebell, den niemand zum Schweigen bringen kann.

Ich denke auch an einen, der jetzt fehlt: Mokhtar Yahyaoui, ein hoher Beamter, der es gewagt hat, die Knechtung der Justiz in seinem Land anzuprangern. Alle Druckversuche nützten nichts, er gab nicht nach. Und dann wurde er abgesetzt. Ich hatte ihn damals auf seinem Handy angerufen, ihm gratuliert und gesagt, er mache seinem Land Ehre. Mokhtar hatte mir geantwortet: "ich bin sehr gerührt."

village en Tunisie  Solange es Männer und Frauen gibt, die der Ungerechtigkeit und der Angst entgegentreten, ist die Hoffnung erlaubt.