Logbuch: Februar 2004 

  Christnacht  Die Liebe zum ersten Kind 
  Bei der Stadtverwaltung Die "compagnons de la nuit" 
  Geschichte von Partenia und Biographie von Bischof Jacques Gaillot
 
   Machtlos, aber frei
 

PARTENIA

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Christnacht

Auf der Esplanade des Invalides in Paris hatten sich unter den funkelnden Lichtern des Weihnachtsfestes afrikanische Familien versammelt.
Die Stadtverwaltung von Paris hatte Wohnungen versprochen, diese Familien hatten an dieses Versprechen geglaubt und träumten bereits davon. Eine richtige Wohnung für die Festtage - gibt es ein schöneres Weihnachtsgeschenk?

droit au logement Die Enttäuschung war groß. Der Mensch hat das Recht auf ein Dach über dem Kopf. Was ist mit dem Recht auf Wohnung?  

Eine Frau ließ ihrem Zorn freien Lauf: "Seit zwölf Jahren warten wir auf eine Wohnung. Ich habe sechs Kinder. Wir leben in zwei Zimmern eines kleinen Hotels. Es ist sehr teuer und kochen dürfen wir nicht. Man macht uns immer wieder Versprechungen, aber dann kommt nichts."

Eine muslimische Vereinigung, "la Chorba", verteilte Tee und zur Freude der Kinder auch Gebäck.  crèche vivante

Ich fühlte mich wie in einem modernen Stall von Bethlehem. Die Familien waren draußen; weil es für sie keine Wohnung gab.
Eine Mauer ist errichtet worden - wie heute in Bethlehem -, eine Mauer des Unverständnisses und der Trennung zwischen diesen Familien und den Entscheidungsträgern.

     

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Die Liebe zum ersten Kind

premier enfant Ich bin kurz nacheinander zwei Freunden begegnet, die zum ersten Mal Vater geworden sind. "Ich muss dir sagen, ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt", sagt Emmanuel. "Und ich wollte keine Kinder! Mit bald 38 Jahren frage ich mich, wie ich so lange warten konnte!" 

"Es ist wunderbar!" sagt mir Djamel. "So ein Glück konnte ich mir gar nicht vorstellen, es übertrifft alles Vorstellbare."
Ich bereite eine Taufe vor bei einem Paar, das ich getraut hatte. Fünf Jahre lang haben sie auf ein Kind gewartet und die Hilfe der Medizin in Anspruch genommen. Alles haben sie versucht. Und als sie nicht mehr daran glaubten, kam es, das lang ersehnte Kind!
Was bedeutet ihnen heute dieses Kind nicht alles? Nichts mehr ist wie vorher. Das Paar ist wie verwandelt. Die Liebe zaubert ein Strahlen auf ihre Gesichter.
Während der Tauffeier teile ich ihnen meine Gefühle mit: "Die Liebe, die ihr beide für euer Kind empfindet, hat für mich etwas Ergreifendes. Ihr lasst einen an die Art und Weise denken, in der Gott uns liebt, alle, jeden einzelnen."

Sie werden sich dessen bewusst. Dank ihrem Kind entdecken sie eine andere Seite Gottes: seine Liebe. 

amour

   

 

     
   

Bei der Stadtverwaltung

Im großen Saal empfängt eine Stadträtin mit Schärpe in den Farben der Trikolore zwei Männer, die sich für den "Pacs", den Solidaritätspakt, angemeldet haben. Einen von ihnen kenne ich, er arbeitet in einer Vereinigung für Obdachlose.
Es ist beeindruckend zu sehen, wie sie sich für ihren zukünftigen gemeinsamen Weg entscheiden. Ihre gegenseitige Zuneigung wird durch den Vertrag zu einer noch engeren Beziehung, und das ist für sie wichtig. Wichtiger als das traditionelle Modell. Als ob es keine natürliche Ordnung und keinen Bezug zu einer transzendenten Autorität mehr gäbe. Sie wollen nicht die Anpassung, sondern die Wahrhaftigkeit.

couple Während ich der Gemeinderätin zuhörte, wurde ich mir des revolutionären Inhalts des Pacs bewusst. Es ist die Anerkennung der homosexuellen Partnerschaft. 

Es geht nicht um Toleranz, sondern um das Recht. In der Gesellschaft kann jeder sein objektives Recht auf Glück verwirklichen. Ist es nicht die Rolle der Demokratie, die Gleichberechtigung der Individuen zu fördern? Das Engagement und die Verantwortung aufzuwerten? Es ist eine tiefgreifende kulturelle Veränderung. Eine Selbstverständlichkeit für das applaudierende Publikum im Rathaussaal.

   

 

     
   

Die "compagnons de la nuit"

lumière dans la nuit "Nachtkameraden" - ein schöner Name für eine Organisation, die Leuten helfen will, die in der Nacht in Schwierigkeiten sind. Eine Organisation, die als Bindeglied zwischen verschiedenen sozialen Gruppen wirken will.
Eines Abends sollte ich vor einem Publikum, das zum großen Teil aus Obdachlosen bestand, über die Ausgrenzung reden. Ich freute mich, unter ihnen zu sein, begann zu reden... und wurde gleich von einem von ihnen unterbrochen. Seine Frage hatte mit dem, was ich gerade gesagt hatte, überhaupt nichts zu tun. Ein anderer fiel ihm ins Wort und begann von ganz was anderem zu reden.
 

Ich musste lächeln, als ich sah, wie sie das Wort ergriffen und hofften, man würde sie nun reden lassen. Glücklicherweise konnte der erfahrene Moderator ihren Eifer etwas bremsen.
Und es gab in dem, was sie sagten, einige kostbare Perlen.
 
prendre la parole

"Wenn ich auf der Straße bin, mag ich es nicht, wenn die Leute mich fragen: Wo gehst du heut Abend schlafen? Das geht sie nichts an. Die Frage, die ich mir stelle, ist: Wo werde ich morgen früh aufwachen?".

dans la rue "Ich bin seit Jahren auf der Straße, aber ich betrachte mich nicht als einen Armen. Ich kenne Leute, ich rede mit ihnen, ich bin mit ihnen verbunden. Aber die Menschen, die überhaupt mit niemandem verbunden sind, das sind die Armen."