Logbuch: Dezember 2001 

  Mit Journalisten  Zeugen der Schönheit 
  Schwurgericht  Ökumene an der Basis 
  Geschichte von Partenia und Biographie von Bischof Jacques Gaillot
  Archiv  Partenia auf CD-Rom 
 

PARTENIA

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Mit Journalisten

Etwa ein Dutzend Fernsehjournalisten aus verschiedenen Regionen Frankreichs waren nach Paris gekommen, um eine Woche lang einen Weiterbildungskurs zu besuchen. Junge, schlaue, im Dialog sehr geschickte Leute. Einen ganzen Vormittag lang sollte ich ihnen von meinen Begegnungen mit politisch Verantwortlichen erzählen. Wie empfingen diese Leute einen Mann mit praktischer Erfahrung, der regelmäßig mit Ausgeschlossenen aller Art Kontakt hat? Wie hören sie ihm zu? An Gesprächsstoff fehlte es da nicht! Ein spannender Austausch.


Kirche und Medien  Aber wie das oft der Fall ist, kamen wir auf die Kirche zu sprechen. Diese Journalisten hatten sich von der katholischen Kirche entfernt und wunderten sich, dass ich immer noch dazugehörte! 

Sie fragten mich vor allem nach meiner Reaktion auf die Rolle, die die Kirche mir gegenüber spielen konnte: "Haben Sie nicht den Eindruck, dass die Kirche aus Strategiegründen ein Interesse daran hat, Sie in Ihrer Situation zu lassen? Glauben Sie nicht, dass sie Sie benutzt, dass sie sich Ihrer bedient und dass Sie ihr Gewissen beruhigen?".

"Warum nicht? Ich habe manchmal den Eindruck, dass ich benutzt werde in Aktionen, wo es darum geht, Papierlose oder Obdachlose zu unterstützen. Man bedient sich meiner Präsenz oder meiner Kommentare. Das ist normal. Ich lasse mir nichts vormachen. Es ist auch eine Art, sich nützlich zu machen. Wenn mich die Kirche benutzt, sagt sie da nicht auf ihre Art, dass ich ihr einen Dienst erweise?".

     

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Evangelisation 2000  Zeugen der Schönheit 

In einem zu diesem Zweck in Beschlag genommenen Hotel in Quebec fanden außergewöhnliche Einkehrtage statt. Mehr als zweihundert Personen füllten es; sie waren dem Aufruf von "Evangelisation 2000" gefolgt.

Landsitz des Sandes  In den Reiseführern steht manchmal die Bemerkung "Aussichtspunkt" oder "Rundsicht". Dies traf für dieses Hotel ebenfalls zu - es hieß übrigens "Manoir des sables" (Landsitz des Sandes).  

Mehr denn je fühlte ich mich als "Bischof der Sandwüste". Jeden Morgen blickte ich auf den See und die Wälder, die trotz herbstlicher Jahreszeit in zauberhaften Farben glänzten.

Die Zeit von Freitag Abend bis Sonntag Morgen war geprägt durch Besinnung und Konzentration in einer freundschaftlichen Atmosphäre. Das Thema war unerschöpflich: "Wenn du Gottes Gabe kennen würdest". Mir gefielen die Liturgien mit ihren unvergesslichen Gesängen, in denen die von oben kommende Schönheit aufblitzte, mit der Liebe Gottes, die unsere Herzen erfüllte. Wir wurden Zeugen der rettenden Schönheit.

   

 

     
   

Schwurgericht  Justicia 

Ich soll als Zeuge vor dem Berufungsgericht von Angers aussagen. Zwei Aktivisten, die sich zugunsten von Ausgeschlossenen und Arbeitslosen eingesetzt haben, sind zu zehn und fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Diese Verurteilung erfolgte nach dem Tod einer jungen Menschenrechtsaktivistin; sie war unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

Der Gerichtssaal ist voll von Leuten. Zum ersten Mal sehe ich die beiden jungen Leute, die nun in Handschellen hereingeführt werden.  Handschellen 

Sie hatten mir bewegende, angsterfüllte Briefe geschrieben. Ihre Anwälte haben mich dringend gebeten, anwesend zu sein. Wie hätte ich ihnen das abschlagen können? Aber es ist nicht einfach, Zeuge zu sein, wenn man die Betroffenen nicht kennt. Da kann man lange Zeitungsmeldungen lesen und sich mit Advokaten treffen, bis man den Menschen nicht begegnet ist, weiß man nicht viel.

In einer feierlichen Atmosphäre und unter bedrückendem Stillschweigen lässt der Gerichtspräsident das Los über die Namen der Geschworenen entscheiden. Diese nehmen dann um ihn herum Platz. Einige treten nach vorn, wie sie ihren Namen hören, kehren aber um, weil sie zurückgewiesen werden, schweigend nehmen sein wieder Platz. Dann werden etwa zwanzig Zeugen aufgerufen! Wegen der großen Anzahl und um genügend Zeit zu haben für das Studium des neuen Materials, beschließt das Gericht nach einer kurzen Beratung, die Verhandlung zu vertagen.

Die Journalisten fragen mich nach meine Meinung. "Ich wünsche ein gerechtes Urteil nach diesen unverhältnismäßigen Strafen. Schon aus Achtung vor dem Opfer sollte man ein neues Drama verhindern und nicht bei dieser Gelegenheit zwei jungen Menschen, die es schon schwer genug hatten, die Zukunft verbauen.

   

 

     
   
Ökumene an der Basis
 
In Basel fand in den Räumlichkeiten einer Pfarrei ein Essen statt zu Ehren eines verstorbenen Priesters, der sich unermüdlich für Immigranten engagiert hatte. Der Pfarrer und die Pfarreiangehörigen hatten in ihren Lokalen Papierlose beherbergt und sie freuten sich, dieses "Gedächtnis und Dank"-Essen in ihrem Haus veranstalten zu können.

Papierlose in der Schweiz Aus Bern und Fribourg waren Sans-papiers angereist. Mitten unter ihnen sah man auch Einheimische: Priester, Ordensschwestern und auch Laien.  
 
Man lud mich ein, das Wort zu ergreifen, und ich ließ mein Herz sprechen. Dieser Priester, der uns vor kurzem verlassen hatte, ertrug die Ungerechtigkeit nicht. Auf seinem Weg hatte er immer den Armen die Hand gereicht.

Am folgenden Sonntagmorgen war ich dann in Bern im "Temple de l'Eglise Réformée", wo ebenfalls Papierlose aufgenommen worden waren.
 
Der Pastor, ein Mensch mit sehr viel Feingefühl, hatte mich gebeten, über eine Stelle im Johannes-Evangelium zu sprechen: "Die Wahrheit wird euch frei machen."   
 
Es war der Reformationssonntag. Von der Kanzel herab wandte ich mich an die Gemeinschaft mit den Papierlosen in ihrer Mitte. Der Pastor forderte mich auf, an seiner Seite die Kommunion auszuteilen. Innerlich bewegt folgte ich seiner Einladung. Wir saßen anschließend noch bei einer Tasse Kaffee zusammen und begaben uns dann in ein katholisches Pfarreizentrum. Aufmerksam hörten mir die Leute zu, als ich von meinen Erfahrungen mit den Sans-papiers von Paris berichtete.
Ich verhehlte ihnen nicht, wie sehr ich ihre Aktion bewunderte.
 
Protestanten und Katholiken nahmen gemeinsam Fremde auf. Dank ihnen erlebten sie ein neues Pfingstfest: Sie begriffen, dass man seinen Glauben nur dann leben kann, wenn man sich für das öffnet, was uns andere geben können.